meine Kirche
Stolz?
Stolz
Ich tue mich schwer mit diesem Gefühl. Manchmal bin ich stolz auf mich, wenn ich etwas geschafft habe, was mir schwer fiel, für das ich mich richtig anstrengen musste. Auf meine Kinder bin ich öfter stolz – Eltern kennen das. Auf mein Land? Eher nicht. Auf die Region, in der ich lebe (Kaiserstuhl) oder aus der ich herkomme (Ruhrgebiet)? Auf jeden Fall! Und auf meinen Glauben, meine Kirche? Ja, äh, also – darüber denke ich meistens nicht nach und ich gebe es zu: für meine Kirche schäme ich mich manchmal sogar. Aber stimmt das wirklich?

Kirche ist die Institution, die den Glauben, das Wort Gottes, bewahrt. Das klingt komisch und es gab viele Irrungen und Wirrungen in der Geschichte der Kirche. Aber alle Auslegungen und Denkrichtungen können wir heute immer wieder betrachten. Die Geschichte der Kirche ist ja auch die Geschichte des Verständnisses von Gottes Wort. Ich finde das wirklich wichtig. Denn Gottes Botschaft in Jesus Christus geschieht in einer bestimmten Zeit und ist von dieser geprägt und so, wie sich die Gesellschaft entwickelt hat, so hat sich auch unser Verständnis von Gottes Wort verändert. Ich glaube nicht, dass so etwas ohne eine Institution möglich ist. Das heißt nicht, dass diese Kirche die beste ist, die man sich denken kann, aber es ist die Kirche, die wir haben.
Kirche ist auch Heimat für viele Menschen, ein Raum, in dem wir Gott begegnen können. Und dabei helfen uns alte Texte und Gebete, die eben nicht einfach so über eine lange Zeit erhalten bleiben. Ja, wir haben alte Rituale, die uns heute nichts mehr sagen. Aber es sind Rituale, deren Sinn wir wieder entdecken können.
Kirche ist der Ort, an dem Menschen solidarisch miteinander umgehen. Eine Gemeinschaft, die immer auch die Schwächsten im Blick hatte und hat.
Kirche ist der Raum des Trostes. Das wird uns besonders bei Beerdigungen bewusst.
Und Kirche ist nicht zuletzt die Gemeinschaft, aus der große Persönlichkeiten und Vorbilder hervorgehen – da weiß man ja gar nicht, wo man anfangen soll: der Heilige Franziskus, Mutter Theresa, Thomas Merton, Madeleine Debrel, Dietrich Bonnhoefer die Liste lässt sich verlängern und ist natürlich nicht auf die katholische Kirche beschränkt.
Kirche ist grade im Moment auch ein Ort des Chaos. So vieles funktioniert (noch) nicht so gut, so vieles läuft schief und so viele Verletzung geschehen – fast immer unbeabsichtigt. Du erlebe ich etwas, was wirklich guttut. Kirche ist auch ein Ort der Gnade. In diesem ganzen Durcheinander können wir uns plötzlich entschuldigen, unsere Meinung ändern, Dinge aus einer anderen Perspektive sehen, liebevoller miteinander umgehen. Das sehe ich bei mir und das sehe ich auch bei anderen. In aller Arbeit blitzt plötzlich ein „guter Gott“! auf und wir wissen sofort und sicher, was unsere Basis ist. Okay, über Einzelheiten streiten wir, wenn wir alles geregelt haben. Aber dieser Streit wird dann auf der Basis unserer gemeinsamen Leistungen und erfolge stattfinden, und das macht einen Unterschied!
Ich bin immer noch nicht unbedingt stolz auf meine Kirche, aber ich will mich auf das konzentrieren, was einzigartig und wirklich liebenswert ist. Das Zuzwinkern beim Friedensgruß, das Osterlicht für die, die nicht mehr in die Kirche kommen können, das gemeinsame Gebet, das solidarische Handeln, die vielen wundervollen Menschen, die aus ihrem Glauben heraus großartige Dinge zustande bringen.
Auf meinen Glauben bin ich nicht stolz, das ist Gnade – eine Gnade, die jedem Menschen zugesagt ist. Wir können daran mitarbeiten, dass Gottes Gnade spürbar wird. Ob mich das stolz macht, kann ich nicht sagen, aber es macht mich glücklich.
Text und Bild: Andrea Ludwig





