vergessen

 
Gestern hatte ich noch diese großartige Idee und jetzt ist sie weg. Ich grübel und überlege, aber es fällt mir nicht mehr ein. Manchmal vergesse ich Dinge, von denen ich genau weiß, dass ich sie wusste – den Namen dieser Schauspielerin, wo ich den Schlüssel gesehen hab, wo das Buch steht – aber es fällt mir nicht mehr ein. Und je mehr ich nachdenke, desto weniger erinnere ich mich und je weniger ich mich erinnere, desto mehr ärgere ich mich über mich selbst. Es ist so leicht, sich den Tag zu vermiesen…
 
So geht‘s eben manchmal, wir stellen fest: wir können unsere Erinnerung nicht zwingen. Im Gegenteil: je mehr wir es versuchen, desto blockierter sind wir. Und dann aus heiterem Himmel fällt es mir wieder ein – nur ist dann die Situation schon wieder vorbei.
 
Ich weiß genau, dass ich nicht denken kann, wenn ich gestresst bin oder – schlimmer noch – wenn ich wütend bin. Und ich kann auch erklären, warum das so ist mit den Hormonen und so. Nur: das hilft mir in der konkreten Situation dann auch nicht.
 
Was aber hilft, ist, die Situation zu unterbrechen und ganz bewusst, etwas anderes zu tun. Ich weiß, ich werde mich jetzt nicht erinnern, später vielleicht, aber jetzt eben sicher nicht. Was kann ich jetzt tun? In der Situation kann ich nämlich etwas machen. Meine Omma hat dann immer ein Stoßgebet zum Hl. Antonius geschickt. Das war klug, denn es hat ihr den Druck genommen und die Situation unterbrochen. Nur hat sie weniger gebetet als mehr gedroht „Anton, wenn ich das jetzt nicht finde, steck ich Dir nie wieder eine Kerze an!“ Geholfen hat das immer. Wahrscheinlich aber eher, weil sie selbst dann entspannter war.
 
Es gibt immer wieder Situationen, in denen liegt es nur an uns, aber wir kriegen es trotzdem nicht hin. So blöd das Gefühl auch ist, so gut ist es für uns vielleicht, einmal zu merken, dass wir nicht allmächtig sind, dass wir nicht alles so hinkriegen, wie wir das planen und wollen. Es gibt blöde Zufälle (glückliche auch). Und viele von uns versuchen es dann eben auch mit einem Gebet „Lieber Gott!“, „Himmel hilf!“ oder etwas in der Art, ein Stoßgebet eben, aber es zeigt, dass wir schon wissen, was hilft. Beten nämlich. Alles kann ich Gott hinlegen, nichts ist für ihn zu klein und immer nimmt mir das ein wenig von meinem Druck.
 
Und vielleicht kann ich in der ein oder anderen Situation auch merken, wie wichtig ich mich da grade mache. Gott legt mir nicht die verlorene Socke vor die Füße, aber er lässt mich erkennen, dass es eben auch nur das ist: eine verlorene Socke, nicht die Welt.
 
Die Situation unterbrechen, mal ganz kurz den „Draht nach oben“ glühen lassen, mich besinnen – das macht gelassen. Gelassener geht vieles einfacher, vor allem das Zurechtrücken von wichtig und unwichtig. Und dann komme ich manchmal auch ins Schmunzeln, wie ich mich über diese eine Socke aufgeregt hab…
 
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: Marc Urhausen. In: Pfarrbriefservice.de