Ich tue mich schwer mit den Märtyrerinnen und Märtyrern. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich überzeugt bin, dass kein Mensch einer Sache hilft, wenn er sich dafür umbringen lässt. Doch da hat sich mein Blick etwas geändert. Das wollten die Blutzeugen ja auch gar nicht.

Das hat mich empört. Hätte der alte Mann nicht besser dankbar sein sollen, dass er gerettet wurde, dass wir ihn aufnahmen und uns um ihn kümmerten? Ich habe sehr lange gebraucht, wenigstens etwas zu verstehen.
Für mich ist es leichter tolerant zu sein, andere Meinungen und Lebensweisen auch als legitim und nur eben anders gelten zu lassen. Ich bin in einer relativ liberalen Gesellschaft aufgewachsen. Für mich hatte die Medaille schon immer zwei Seiten. Mir ist ganz oft (aber nicht immer) das Denken in „entweder – oder“ bzw. „schwarz-weiß“ fremd.
In der Situation, in der ich ihn damals kennenlernte, aber wäre er wirklich lieber tot gewesen, als in so einer Welt zu leben. Ich fand und finde das falsch, aber ich habe ja auch die Grautöne zwischen Schwarz und Weiß – die Farben - kennenlernen dürfen.
Ich frage mich, wie Jesus reagiert hätte, und finde natürlich keine einfache Antwort. Wenn ich aber auf Jesu Begegnungen mit Fremden schaue, z.B. den Hauptmann von Kapharnaum, dann stelle ich fest: Jesus macht Begegnung möglich. Menschen finden etwas, an das sie „andocken“ können und Jesus belässt es dabei – für den Hauptmann ist es das militärische System von Befehl und Gehorsam. Er wendet sich den Menschen zu und tut, was zu tun ist und dann schickt er sie wieder zurück ihn ihr Leben. Er ruft nur wenige Menschen ausdrücklich in die Nachfolge, manchmal gibt er den Menschen noch die Weisung „sündige nicht mehr“. Das war’s. Jesus zieht weiter, die Menschen leben ihr Leben weiter und wir hören nicht mehr von ihnen – keine Diskussionen, keine Kämpfe, kein Beharren auf der eigenen Position.
Ich finde das ganz besonders groß an Jesus – er hält den anderen mit seinen Ideen nicht nur aus, er macht Begegnung für diese Menschen möglich, bedingungslos, er bietet in seiner Person – mit seiner ganzen Figur, etwas an. Das ist offenbar attraktiv, denn Menschen kommen zu ihm, lassen sich von ihm berühren, ergreifen, faszinieren. Jesus vermeidet fast immer klare und vor allem Harte Urteile. Er lässt viel offen und macht genau dadurch Begegnung möglich. Ich muss mich nicht gleich bekennen, ich kann erst einmal hinhören, mal gucken. Das Angebot bleibt, es ist kein einmaliges Schnäppchen.
Und dann geht Jesus weiter und verlässt sich darauf, dass diese Begegnung wirkt (okay, das letzte ist meine Vermutung). Für mich ist das mehr als Toleranz, für mich ist das Anerkennung, Anerkennung des anderen Menschen, so wie dieser jetzt ist, aber mit einem Blick auf dessen Möglichkeiten, auf eine Zukunft.
Ich habe noch lange nicht alles verstanden, die Märtyrerinnen und Märtyrer nicht so richtig, die Flüchtenden vielleicht anfanghaft, Jesu Botschaft vom Guten – ach, da lern ich immer wieder etwas, was ich ganz ungewöhnlich finde. Aber gerade das Lernen am Beispiel Jesu macht’s ja aufregend.
Text: Andrea Ludwig
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