Scherben

und Klebestellen

 
Scherben sind ein sehr beliebtes Bild, wenn es um Schuld geht. Da geht etwas kaputt und das kann ich kaum besser darstellen als mit einem Scherbenhaufen. Und wie mit den Scherben einer hübschen Vase kann ich auch mit meiner Schuld unterschiedlich umgehen.
 
Ich kann sie wegwerfen und den Gegenstand neu kaufen. Wer so mit seinen Mitmenschen umgeht, ist bald sehr einsam, vermute ich.
 
Ich kann die Scherben auch unter den Teppich kehren, irgendwie unsichtbar machen. Sie machen dann zwar eine Beule in den Teppich, die wird aber immer kleiner, je häufiger jemand darauf tritt. Am Ende sind nur noch Krümel übrig, die ich kaum noch spüre. Wenn ich so mit dir umgehe, dann steht etwas zwischen mir und dir, aber wir reden nicht darüber. Da ist dann eine Verletzung, die immer weniger spürbar wird, aber trotzdem nie ganz verschwindet.
 
Ich kann die Scherben auch aufsammeln und wieder zusammenkleben. Dann bekomme ich die Vase zurück, nur ist es nicht mehr dieselbe. Die Klebestellen bleiben sichtbar, sie ist nicht mehr ganz so schön, aber sie ist auch viel mehr meine, sie ist verknüpft mit meinem Leben, meiner Geschichte. So ist es auch mit meiner Schuld. Ich kann mich dazu bekennen, dazu stehen und versuchen, das Unrecht, das auf meine Kappe geht wieder gut zu machen, so gut ich eben kann. Unsere Beziehung wird dadurch wieder gut, aber nicht mehr so wie früher. Die Kränkung, die Verletzung gehört – so oder so – zu unserem Leben, unserer gemeinsamen Geschichte. Und sie macht unsere Beziehung stärker und reicher, denn sie zeigt, dass wir auch solche Katastrophen in den Griff kriegen.
 
Es gehört zu unserem Leben, Fehler zu machen und dadurch andere zu verletzen. Das ist nicht schön und nur sehr selten beabsichtigt. Wie wir mit solchen Verletzungen umgehen, das macht einen Unterschied, nicht nur für den anderen, sondern vor allem auch für uns. Dass Gott uns liebt, das wissen wir – es ist so ein bisschen eine Binsenweisheit, die uns nicht mehr so wahnsinnig aufrührt. Das haben wir oft genug gehört. Doch zu dieser Liebe gehört ganz wesentlich, dass Gott uns genauso unperfekt will, wie wir sind. Es sind vielleicht grade diese „Klebestellen“ in unserem Leben, die uns Gott näher bringen, denn sie sind die „Wachstumsfugen“ unseres Lebens. Diese Stellen sind es, die uns immer wieder rufen, besser zu werden auf ihn hin.
 
Kintsugi heißt die japanische Kunst des kunstvollen Zusammefügens von Scherben. Damit wird die Aufmerksamkeit auf das Unvollkommene gelenkt und der Riss vergoldet oder besonders verziert. Das könnte sich auch für meine Klebestellen lohnen…
 
 
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com