
Der Klügere gibt nach! Damit hat meine Mutter immer versucht, Streit zu umschiffen und meinen Zorn zu kanalisieren. Gemeint hat sie „das ist es doch nicht wert, dass du dich aufregst“. Jedenfalls will ich das glauben.
Aber: wenn der Klügere nachgibt, dann wird ja gemacht, was der Blöde, der Dümmere, der Unwissende will, oder?
Wenn jetzt der Klüger immer nachgibt, dann ist das gar keine kluge Entscheidung.
Ja, es ist total sinnvoll, dass ich mir überlegen, ob sich lohnt, dass ich mich über eine Sache oder einen Menschen jetzt aufrege. Soll ich da wirklich viel Energie investieren? Oft genug lohnt es sich nicht. Oft genug bin ich nur überempfindlich. Oft genug hab ich etwas falsch verstanden.
Manchmal ist es aber auch sinnvoll. Da lohnt sich der Aufwand. Manchmal muss ich widersprechen, manchmal sogar laut. Immer wieder geschieht so großes Unrecht, dass ich Stellung beziehen muss und es nicht in Ordnung wäre zu sagen „so ist die Welt eben“.
„Der Klügere gibt nach!“ Dieser Satz erspart mir aber auch grade dieses Nachdenken. Und: er macht mich groß. Denn wenn ich mich jetzt nicht engagiere und aufrege, bin ich die Klügere. Fühlt sich doch gut an! Nur eben nicht auf Dauer.
Grade wenn die Zeiten so unsicher sind, wenn es so viel Wandel gibt, grade dann brauchen wir klare Positionen und Stellungnahmen. Grade dann braucht Gottes Botschaft Austrägerinnen und Austräger.
Das ist unsere Berufung, kluge Strategien zu finden, um Gottes Botschaft den Menschen nahezubringen – diese Botschaft von der bedingungslosen Annahme und Liebe, die so gar nicht klug zu sein scheint.
Liebe deine Nächsten wie dich selbst! Das ist ja eigentlich völlig unvernünftig, da werden wir doch nur ausgenutzt, oder? Hier sollte nicht der Klügere nachgeben, hier müssen wir uns über das berechnende Kosten-Nutzen-Denken hinwegsetzen und fragen, was wäre jetzt das Richtige, was wäre liebevoll, lebensbejahend, hoffnungschaffend? Und wir müssen in Kauf nehmen, auch mal enttäuscht zu werden.
Nein, klug ist das vielleicht oft nicht, aber erfüllend und lebenswert.
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com





