wir müssen reden

Gedankenlesen können wir ja nicht

 
Wir müssen reden.
 
Wir müssen uns voneinander erzählen, wir müssen um einander wissen. Kein Small Talk bei dem alles immer easy und leicht ist. Nein, wir müssen über die großen Dinge reden.
 
Wir müssen uns sagen, wo wir uns unbehaglich fühlen und das muss noch gar nicht wirklich sicher sein. „Ich hab da so ein ungutes Gefühl…“ das reicht schon.
 
Wir müssen sagen, wenn uns etwas ärgert. „Es nervt mich, wenn das Radio so laut ist. Mach das bitte leiser.“ Aber das sagen wir oft gar nicht. Wir ärgern uns über die Rücksichtslosigkeit der anderen. Sie muss doch wissen, dass sie zu laut Musik hört! Muss sie natürlich nicht und bei genauem Hinsehen wissen wir das auch nicht. Wir alle können nicht Gedanken lesen. Aber wir verlassen uns darauf, dass die anderen das können; dass sie erahnen, was wir wollen und was uns nervt. Sie kennen uns doch!
 
Ja, wir kennen uns; und trotzdem sind wir nicht immer aufmerksam füreinander. Das können wir auch gar nicht sein. Manchmal ist viel zu tun, manchmal kreisen meine Gedanken um Sorgen, die ich mir mache, manchmal hab ich einfach einen Ohrwurm oder bin in einem spannenden Gedanken.
 
Sag mir doch, was du brauchst, was dich ärgert. Fast immer, ist es ja gar kein Problem, etwas zu ändern. Fast immer mache ich Sachen, weil ich sie eben so machen ohne große Gründe, aus Gewohnheit eben, fast immer ist es einfach das zu ändern.
 
Aber: wenn ich deine Wünsche nicht kenne, kann ich sie auch nicht berücksichtigen. Ja, ich kenne dich, doch du änderst dich. Manches, was du gestern noch mochtest, magst du heute nicht mehr – zu oft gehört das Lied. Woher soll ich das wissen?
 
Es schafft Gemeinschaft und Nähe von den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu sprechen, weil wir damit etwas von uns preisgeben. Das sind ja oft diese kleinen Sachen, die uns dann aber immer mehr nerven.
 
Wir könnten uns so viel Ärger sparen, wenn wir mehr redeten.
 
Wir müssen reden.
 
Wir müssen uns erzählen, was uns gefällt, was uns guttun. Wir müssen unseren Fokus auf das schöne, das lebensbejahende und unterstützende richten. Wir müssen uns sagen, wo wir einander richtig toll fanden. Das tut uns gut. Es macht mich groß, wenn ich etwas richtig gut hingekriegt habe, und der andere hat’s gemerkt – und sagt es auch noch!
 
Dann könnten wir das Gute stärken. Wir könnten lernen, uns über Lob offen zu freuen, anstatt es verschämt klein zu machen „… ach, das ist doch selbstverständlich…“. Wir würden noch besser voneinander wissen.
 
Es macht mir nichts aus, etwas so zu tun, weil es dir so besser gefällt – meistens jedenfalls. Ich muss es halt wissen.
 
Wir müssen nicht jedem alle unsere Geheimnisse, unsere tiefsten Sorgen und Hoffnungen anvertrauen, wir müssen nur ein bisschen mehr über die alltäglichen Dinge miteinander reden, unsere kleinen Sorgen und winzigen Befürchtungen, unsere kleinen Bedürfnisse und winzigen Wünsche. All die Dinge, die wir nicht wirklich brauchen, die zu bekommen aber trotzdem schön wäre.
 
Das würde etwas ändern. Für alle.
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canvy.com