
Auf einer Postkarte fand ich neulich diesen Spruch „Ich hab dich schon verstanden, es ist mir nur egal“ und hab mich erschreckt. Ich möchte nicht, dass mir jemand mit dieser Einstellung gegenüber steht, schon gar nicht, wenn es um wichtige Überlegungen und Themen geht.
Natürlich muss ich mich nicht für alles interessieren, aber trotzdem finde ich diese Haltung respektlos. Fast noch schlimmer finde ich es aber, wenn andere Meinungen moralisch bewertet werden als verantwortungs- oder hirnlos, als Zeichen dafür, dass ich angstgesteuert oder naiv unterwegs bin, als verworren oder Spinnerei.
Ich bin oft anderer Meinung als andere. Es gibt – grade wenn es um wichtige Dinge geht – Situationen, in denen ich gut verstehen kann, dass jemand zu anderen Schlüssen kommt als ich. Da ist das Ziel vielleicht nicht genau das gleiche oder es stehen Erfahrungen hinter einer Meinung, die ich nicht gemacht habe. Im Studium war ich Mitglied einer politischen Gruppe. Es gab hitzige Diskussion und wir waren uns sehr oft nicht einig, aber am Ende des Tages sind wir zusammen ein Bier trinken gegangen. Und auch das war gut so. Wir waren unterschiedlicher Meinung, haben uns aber als Mensch geschätzt.
Das scheint mir ein wenig abhanden gekommen zu sein. Andere Meinungen scheinen unsere Gesellschaft zu spalten. Wer die Dinge nicht so sieht wie ich, ist blöd. Mit so jemandem muss man gar nicht erst reden. Das ist sehr bequem, weil ich mich dann auch gar nicht mehr mit den Argumenten, Erfahrungen, Sorgen und Hoffnungen, die hinter der anderen Meinung stehen, auseinandersetzen muss. Aber gut ist das nicht.
Ich bin sicher: Wer eine andere Meinung hat als ich, ist nicht doof oder faul oder verantwortungslos, sondern hat sich genauso wie ich überlegt, was gut wäre und welche Folgen das hätte. Und wer eine andere Meinung hat als ich, will mich auch nicht ärgern, sondern schaut nur anders auf die Dinge.
Wir können sorgfältig überlegen und nachdenken und dann trotzdem zu unterschiedlichen Meinungen kommen. Wenn ich das den anderen unterstelle, dann und nur dann können wir ins Gespräch kommen, in ein echtes Gespräch. Ein Gespräch, das uns weiterbringt, in dem ich überzeugen kann oder auch überzeugt werde. Das ist anstrengend, aber es lohnt sich.
Ich bin nämlich nicht der einzige intelligente und mit Vernunft begabte Mensch auf Gottes Erde, die anderen sind genauso Kind Gottes, genauso gewollt wie ich.
Ich wünsche mir eine Postkarte, auf der steht „we agree to disagree“ – wir sind uns einig, uneinig zu sein. Denn die Feststellung, unterschiedlicher Meinung zu sein, bedeutet auch, die andere Meinung als eine legitime Meinung ernst zu nehmen. Dann kann ich auch gut mit Entscheidungen leben, die ich so nicht getroffen hätte. Bei ganz vielen Dingen geht es ja nicht um richtig oder falsch, sondern eher um besser oder noch besser.
Wie gesagt, es gibt viele Wege, ein Ziel zu erreichen, und viele davon sind gut, auch wenn ich andere wählen würde. Wir würden es als Verarmung empfinden, wenn es nur noch eine Art von Rosen gäbe. Wir würden aber auch verarmen, wenn alle einer Meinung wären.
Die Vielfalt und Vielgestaltigkeit von Gottes guter Schöpfung darf sich ruhig auch in der Vielfalt und Vielgestaltigkeit unserer Lebensentwürfe, Meinungen und Aussagen widerspiegeln. Denn wir sind eben viele.
Text: Andrea Ludwig
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