
Jesus kriegt die Krise – er betritt den Tempel und sieht, was damals üblich ist: Tiere, Händler, Opfergaben, Geldwechsler - das ganze religiös-institutionelle Tagesgeschäft, ein präzise organisiertes System. Da musste nicht gefeilscht werden, die Wechselkurse sind festgelegt, alles wissen, was sie für eine Taube kriegen oder eine Ziege. Eine Kreislaufwirtschaft im besten Sinne. Alles funktionierte tadellos.
Und dann – der berühmte Wutanfall. Jesus kriegt die Krise. Er wirft Tische um und wird richtig gewalttätig. Sowas kennen wir von ihm gar nicht. Was ist da los?
Institution in der Krise. So könnten wir sagen. Wie mit einem Bagger fährt Jesus zwischen die Händler und bringt alles zum Erliegen. Nicht für lange, davon können wir ausgehen. Aber er sorgt für einen Moment des Schreckens.
Was ist da los?
„Macht das Haus meines Vaters nicht zur Markthalle!“. Die reibungslose Organisation, die gut geölte Kreislaufwirtschaft, das Rattern der vielen kleinen Räder im Getriebe, all das macht den Glauben zu einer Institution, die sich nur noch um sich selbst dreht. Der Tempel hat keinen Raum mehr für echte Gottesbegegnung, nicht einmal mehr für echte menschliche Begegnung.
Klingt doch ganz vertraut, oder? Klingt nach den Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Banken und Vereinen unserer Tage. Klingt nach den protestierenden Jugendlichen, die sich auf Straßen kleben, nicht zur Schule gehen und lautstark die Innenstädte besetzen.
Institutionen (und ja, auch die Kirchen) müssen den Spagat schaffen zwischen der Bewahrung guter und sinnerfüllter (und sinnfüllender) Traditionen und der Integration neuer Ideen und Vorstellungen. Das gelingt nicht immer gleich gut.
Menschen engagieren sich. Die Jünger erinnern sich, dass geschrieben steht „der Eifer für dein Haus wird mich verzehren“. Ja, Menschen müssen sich manchmal auch vor Eifer verzehren, für ihre Sache brennen.
Nichts bleibt für die Ewigkeit, was Menschen sich ausdenken. Nichts wird so heiß gegessen, wie Menschen es manchmal kochen. Aber immer wieder müssen wir aushandeln, was gut und erhaltenswert ist (an Tradition und Institution) und was jetzt sofort geändert werden muss.
Jesu Wüten im Tempel hat keine sofortigen Folgen, wohl aber langfristige. Bis in unsere Tage ermutigt es uns, über Strukturen und Institutionen nachzudenken – manchmal auch sehr laut und provokativ.
Der Eifer für die eigene Überzeugung gehört nämlich auch zum Glauben.
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com





