was willst du,

dass ich dir tue?

 
 
„Was willst du, dass ich dir tue?“ fragt Jesus den blinden Bartimäus, der am Stadttor sitzt und gegen jeden Widerstand nach ihm ruft, ja nach ihm brüllt.
 
Was für eine blöde Frage! Was soll Bartimäus schon wollen? Er will wieder sehen und so sagt er das auch. „Ich will wieder sehen können.“ Da ist nichts, was Jesus tun soll, und Jesus tut auch nichts. „Geh, dein Glaube hat dich geheilt!“
 
Ist das nicht eine komische Heilungsgeschichte? Bartimäus will gar nicht, dass Jesus etwas tut. Jesus tut auch nichts. Aber Bartimäus kann wieder sehen.
 
Es ist nicht die einzige Heilungsgeschichte im Neuen Testament, bei der Jesus nichts Konkretes zur Heilung tut und bei der trotzdem Heilung geschieht. Deutlicher kann die Botschaft kaum sein. Jesus macht sich sozusagen durchlässig; durchlässig für das Wirken Gottes bzw. für das Wirken des Reiches Gottes.
 
Das ist der Kern seiner Botschaft: Das Reich Gottes bricht an, es bricht jetzt an, mit ihm und durch ihn. Doch er ist nicht derjenige, um den es dabei geht (nicht mein Wille geschehe).
 
Immer wieder macht sich Jesus zum Hinweisschild auf Gott hin, auf das Reich Gottes hin. Er ruft nicht alle in seine Nachfolge; er veranstaltet keine Events, auf denen er alle Kranken und Gebrechlichen heilt; er lässt sich nicht feiern wie der große Zampano. Er hilft da, wo Hilfe gebraucht wird und entlässt die Menschen in ihr Leben, er lässt ihnen die Verantwortung für ihr Leben.
 
Bartimäus folgt Jesus, doch Jesus hat ihn nicht ausdrücklich in die Nachfolge gerufen. Das Reich Gottes bricht eben nicht nur für die Jünger Jesu an, sondern für alle, für die Männer und Frauen, die zurückkehren in ihre Dörfer und Städte, die ihr Leben weiterführen; ein ganz normales Leben, das wahrscheinlich geprägt ist von der Begegnung mit Jesus, von einem ersten Hauch des Reiches Gottes.
 
Jesus geht nicht an den Menschen und ihren Bedürfnissen vorbei. Er ist nicht derjenige, der besser weiß, was gut für sie ist – „was willst du, dass ich dir tue?“.
 
Da können wir uns eine Scheibe von abschneiden, finde ich. Klar, das Reich Gottes bricht an, jetzt halt mit mir. Aber anders als Jesus weiß ich ganz oft schon besser, was für die andere gut ist und tue das auch gleich. Ich frage nicht oft „was willst du, dass ich dir tue?“. 
 
Könnte ich aber. Denn was für mich gut ist, muss es nicht für den anderen sein. Was dem Reich Gottes dient, kann seine Wirkung nur entfalten, wenn es auch bei anderen ankommt.
 
Manchmal sind wir noch nicht so weit. Egal, wie gut etwas gemeint ist, wie gut es gemacht wird, wie richtig es ist: wenn mich niemand fragt, was ich will und wie es mir damit geht, dann wird das, was wir in bester Absicht und voller Liebe tun, vielleicht als übergriffig und unverschämt empfunden.
 
Jesus zeigt uns, wie es gehen kann (nicht wie es besser geht): was willst du, dass ich dir tue?
 
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com