Es gibt Tage oder Zeiten, da schauen wir zurück – was war gut, was nicht? Sehr beliebt ist dafür immer das Jahresende oder natürlich ein runder Geburts- oder Hochzeitstag.

Es gibt gute Gründe für Dankbarkeit – wir leben in einem nie gekannten Wohlstand, werden älter als jede andere Generation und können auch im Alter immer noch lernen und neue Erfahrungen machen. Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt die Tagesschau Abend für Abend.
Wir gewöhnen uns so schnell an das Gute und Schöne (aber natürlich auch an das Hässliche und Böse), dass es für uns normal wird. Oft wird uns erst bei Vergleich oder Verlust bewusst, wie gut es uns geht.
Es heißt, wer viel habe, habe auch viel zu verlieren und ich finde das stimmt. Dabei meine ich nicht das materielle Gut, sondern auch die Wertschätzung und das Wohlwollen.
Die Normalität nimmt uns den Wert der Dinge. Wer immer Sonntagsbraten isst, kann ihn nicht mehr schätzen. Die Schulpflicht unserer Kinder lässt uns vergessen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Kinder, vor allem Mädchen lernen dürfen und damit die Chance haben, die zu werden, die sie sein können.
Da ist Erntedank doch eine gute Gelegenheit, einmal kurz innezuhalten und auch dankbar zu sein für die vielen Selbstverständlichkeiten. Das fängt bei den ganz grundsätzlichen Bedürfnissen wie Essen, Wohnen, Gesundheit an und endet bei Höflichkeit und Aufmerksamkeit füreinander noch lange nicht.
Wenn wir uns bewusst machen, wie gut es uns wirklich geht, dann wird vielleicht auch mancher Ärger und manche Enttäuschung kleiner. Dabei geht es nicht darum, dass wir ja trotzdem immer noch dies oder jenes haben, sondern darum, dass das große Ganze in unseren Blick gerät. Dann wird aus Dankbarkeit Großzügigkeit gegenüber denen, die weniger haben, aber auch gegenüber denjenigen, die uns etwas schuldig bleiben.
Vielleicht merken wir dann auch, dass wir gar nicht immer mehr und mehr brauchen, auch nicht im Glauben. Wenn wir mit dem, was wir haben, bewusst umgehen, dann können wir Großes schaffen. Im Evangelium heißt es „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen.“ (Lk 17, 6).
Wir haben alles, was wir brauchen – Dankbarkeit hilft uns, viel damit zu schaffen; mit den vielen kleinen Gesten, Worten und Taten.
Text: Andrea Ludwig
Bild: Peter Galli





