keine Regel

ohne Ausnahme, oder?

 
 
 
Keine Regel ohne Ausnahme – eine Binsenweisheit. Sie hilft uns, Ordnung und Struktur in unser Leben zu bringen wie so viele andere Weisheiten auch. Sie erklären die Welt und helfen Phänomene einzuordnen. Aber stimmt das auch? Ist die Aussage „keine Regel ohne Ausnahme“ nicht auch eine Regel? Dann muss es auch Ausnahmen geben, oder? Dann stimmt aber die Aussage nicht mehr… ein Paradox.
 
Uns gefallen Paradoxien – unentscheidbare Aussagen. Es sind Gedankenspiele, die uns an die Grenzen unserer logischen Möglichkeiten bringen. „Kann der allmächtige Gott einen Stein schaffen, der so groß ist, dass Gott selbst ihn nicht heben kann?“ Die Frage ist nicht widerspruchsfrei zu beantworten. Sie geht ja auch am Kern des Themas vorbei, aber das macht nichts – wir stellen solche Fragen trotzdem.
 
Wir mögen Wortspiele und Tricksereien. Wir reizen die Grenzen von Gesetzen und Vorschriften aus, suchen „Schlupflöcher“, meist eher aus intellektuellem Vergnügen, aber auch jemanden auf’s Glatteis zu führen und selbst glänzend da zu stehen.
 
Dabei verkennen wir natürlich fast immer den Kern eines Themas. Regeln und Vorschriften können nie alles eindeutig regeln, immer gibt es Grauzonen. Wenn es nicht um Gedankenspiele geht, sondern darum wie Regeln in einem Zweifelsfall anzuwenden sind, hilft es, sich auf den Geist der Regel, die Absicht, die dahintersteckt zu besinnen. Denn Regeln sind ja kein Selbstzweck. Sie wollen meist die Schwächeren schützen.
 
Jesus sieht sich solchen Spitzfindigkeiten auch ausgesetzt. Wiederholt stellen ihm die Pharisäer Fragen nach den Grauzonen der Gesetze. Wir sind gewohnt, das immer als Bosheit aufzufassen – die Pharisäer stellen Jesus eine Falle. Aber vielleicht stimmt das gar nicht immer. Schließlich waren diese Menschen besonders gesetzestreu, da könnte die Klärung von Themen am Rande des Gesetzes schon wirklich bedeutsam gewesen sein. Wer weiß?
 
Berühmt ist die Episode, in der die Jünger am Sabbat im Vorübergehen Körner von den Ähren reißen – hier geht es jetzt wirklich um Spitzfindigkeiten. Die Ansage Jesu „der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat“ verweist sofort und eindeutig auf den Sinn des Sabbatgebots.
So macht Jesus das immer wieder, wenn er mit kniffligen Fragen konfrontiert wird; er beantwortet sie nicht dem Wortlaut nach, sondern verweist auf den dahinterliegenden Sinn.
 
Das mag auch das Ergebnis sein, wenn wir uns mit Paradoxien beschäftigen. Schließlich ist die Frage nach der Allmacht Gottes und dem Stein eben auch nur eine Frage, die uns zeigt, wie beschränkt unser Denken an manchen Stellen sein kann. Gott ist einfach nicht zu fassen, wir können Gott nicht ganz in unser Leben ziehen und mit unseren Begriffen und Kategorien „einfangen“. Gott bleibt unverfügbar – aber Gott bleibt erfahrbar. Das ist allerdings Gnade, das liegt sowieso nicht in unserer Hand.
 
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com