Heute bestellt – morgen geliefert! Das ist eins der Versprechen zahlreichen Online-Shops. Und das funktioniert erstaunlicher Weise ziemlich oft, wenn wir früh genug am Tag bestellen.

Neulich musste ich warten – zwei Monate! Ich sollte eine kleine Tasche geschenkt bekommen, aber es gab Probleme (womit hab ich vergessen).
Jetzt ist die Tasche endlich da und ich freue mich. Bei dieser langen Wartezeit habe ich gemerkt, dass Vorfreude auch etwas für sich hat. Vorfreude gehört zu den Dingen, die unser Leben „entschleunigen“, denn dafür brauch ich Zeit, jedenfalls ein bisschen. Ich stelle mir etwas Schönes vor, sonst nichts.
„Ich will alles, ich will alles und zwar sofort!“ sang Gitte Hænning 1982. Damals hatte das einen anderen Hintergrund. Heute wollen wir alle alles und zwar sofort. Warten ist Höchststrafe! Warten auf den Schulbus geht grade noch. Warten an der Kasse im Supermarkt, bis der Herr vor uns den letzten Cent aus dem Geldbeutel gekramt hat, um dann festzustellen, dass er es doch nicht passend hat – das macht aggressiv und übelriechend. Oder? Schließlich haben wir alle etwas Besseres zu tun!
Aber was ist das eigentlich? Wir stopfen unsere Zeit voll mit immer mehr. Warten, also nur warten – das tun wir ja gar nicht mehr. An jeder Bushaltestelle stehen Menschen mit gesenkten Köpfen und schauen auf einen Bildschirm. Genauso geht es dann im Bus weiter oder im Wartezimmer beim Arzt. Wir hören einen Podcast, lesen schnell noch Mails und scrollen uns durch Millionen von TikTok-Videos.
Da bleibt einfach wenig Raum für Vorfreude. Und weil wir so vieles immer gleich haben können, gibt es auch immer weniger Dinge, die etwas Besonderes sind. Denn der (ideelle) Wert einer Sache steigt eben, wenn sie nicht gleich verfügbar oder selten ist, wenn ich mich dafür anstrengen oder eben warten muss.
Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude.
Zum Glück ist es dem Geist offensichtlich völlig egal, wann und wieviel Zeit wir haben. Er weht, wo er will und finden immer wieder eine Lücke in unserer Zeit. Und dann kann es sein, dass wir völlig unerwartet einen Geistesblitz haben und all unser Planen und all unsere Geschäftigkeit ganz plötzlich gar nicht mehr so wichtig ist.
Die Tasche ist jetzt übrigens da und ich hab immer noch meine Freude daran.
Text und Bild: Andrea Ludwig





